Schätze aus dem Müll

2012 zeigte eine Studie, dass pro Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Müll landen. Nur, weil durch die Lebensmittelindustrie Nahrung nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums als nicht mehr genießbar erklärt wird. Aber das stimmt nicht, sagen Menschen, die sich gegen solch einer Verschwendung auf ihre eigene Art und Weise entgegenstellen. Sie containern.

Samstagmorgen. Brötchen, Käse, frisches Obst, ein Glas kalter Orangensaft und frisch gekochter Kaffee stehen auf dem Esstisch, der freundlich mit ein paar Blümchen in einem Weizenglas geschmückt ist. Mit Kohldampf im Bauch nehme ich Platz und bekomme direkt von Khalid den Brotkorb gereicht, aus dem ich mir ein noch warmes Körnerbrötchen picke. Ich liebe Frühstück! Ganz besonders, wenn man es mit seinen Liebsten verbringt. Und noch viel mehr, wenn man für das Essen gar nichts gezahlt hat. Denn jegliche Nahrung auf unserem Frühstückstisch stammt nicht aus dem Supermarkt, sondern aus dem Müll!

Ein Akt des Widerstands

Jup, ihr habt richtig gehört, aus dem Müll. Die ekligen Tonnen, die ihr auch vor den Türen stehen habt oder diese riesigen Container, die an sämtlichen Firmen platziert sind, bieten nämlich oftmals ein Paradies an Nahrungsmitteln,die im Grunde absolut gar nicht abfallreif sind. „Eigentlich bekommt man so ziemlich alles, was man braucht. Der Großteil der Sachen hat sogar noch nicht einmal das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten“, sagt meine Freundin Frieda, die fast regelmäßig containern geht. So nennt man es nämlich, wenn man noch nicht abgelaufene Lebensmittel aus den Containern der Supermärkte fischt. Oder auch Dumpstern, oder Mülltauchen. Für Frieda ist das wie eine kleiner Akt des Widerstands, eine Alternative zum konsumorientierten Einkaufen. „Eigentlich ist es unvorstellbar, dass so viel Zeug weggeschmissen wird. Es ergibt einfach keinen Sinn, weil du den Großteil locker noch verkaufen könntest. Dann fragt man sich, warum schmeißen die das weg? Und dann macht man sich über das System schlau und hört irgendwann angeekelt auf zu lesen, weil es einfach so absurd und daneben ist.“ Denn das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), aufgrund dessen so viel noch gute Nahrung weggeschmissen wird, sagt im Grunde gar nicht so viel aus. Konzernen ist es lieb, denn während ihre Kund:innen einwandfreie Produkte in den Müll werfen, winken ihnen die Geldscheine. Mehrere Tests wurden bereits von Lebensmittelkontrolleur:innen vollzogen, die alle bestätigen: Der MHD sagt kaum die Wahrheit. Außerdem wird manchmal die gleiche Produktion mit unterschiedlichen MHD versehen. Wie funktioniert das denn?

23 Uhr, ein paar Tage zuvor. Nach einem langen Abend in der Bude entschließen meine Freund*innen und ich, noch einen kleinen Spaziergang zu unternehmen und dabei ein paar Container zu begutachten. Unser Weg führt uns zunächst nach Ockershausen, wo wir bei einem gut bekannten Supermarkt einen großen Parkplatz überqueren und schließlich vor einer riesigen, silbernen Tonne stehen. „Da muss man jetzt durch!“ sagt Khalid und drückt den schweren Deckel auf. Sofort wissen alle, was er meint: Es stinkt fürchterlich. Ich kriege einen kleinen Brechreiz, reiße mich aber zusammen und werfe einen Blick in das tiefe Innere des silbernen Ungetüms. Maybe a mistake. Der Gestank nimmt eine abnorme Form an: vergammeltes Obst, zermanschte Tomaten, geschimmeltes Brot. „Da müsste man jetzt reinsteigen!“, grinst mein Kommilitone. Ich schaue ihn eher mäßig begeistert an. „Aber da ist heute leider eh nichts zu holen“, beruhigt mich Frieda lächelnd, während Khalid sich immer noch einen ablacht. Witzig.

Ein Akt der Leidenschaft

Auch Khalid containert schon seit einer ganzen Weile. Für ihn ist es auch eine Art leidenschaftliches Hobby. In Dresden damit angefangen, begeistert ihn vor allem die hohe Anzahl an Nahrungssuchenden, seien es Studierende, Asylbewerber:innen oder sogar berufstätige Mittdreißiger, die voll ausgerüstet mit Plastikkisten und Handschuhen mit dem Auto vorfahren. „Ich glaube, es ist inzwischen eher die Ausnahme, dass man an einem Abend niemand anderen trifft, der auf der „Jagd“ ist“, sagt er. Dennoch ist Containern laut Gesetz illegal. Zum einen zählt es zum Hausfriedensbruch. Zumindest wenn man, um an die Container zu kommen, über Zäune klettert. Sachbeschädigung kann hinzukommen, wenn Schlösser oder Türen dabei kaputt gehen und Diebstahl ist es, weil es nun mal Diebstahl ist. Bei einem containerten Wert unter 50 Euro muss man allerdings nicht mit großartigen Folgen rechnen, außer der:die Supermarktbesitzer:in hat gerade einen schlechten Tag.

Bei einem Wert darüber geht die Sache jedoch direkt an die Staatsanwaltschaft. So zum Beispiel passiert 2014 in Witzenhausen, Hessen, wo drei Studis mit einem voll-containerten Auto von der Polizei angehalten wurden. Die Folge war ein Strafbefehl über insgesamt 4500 Euro oder alternativ drei Monate Gefängnis. Oft passiert so etwas in Deutschland allerdings nicht. Meist wird mal ein Auge zugedrückt oder man begegnet gar nicht erst den Ordnungswächtern. Gut so, meint Thorsten. Er findet es scheiße, dass wir die Möglichkeit zu solchen Aktionen haben. „Containern ist kein politischer Akt, sondern ein Akt der Empörung“, erklärt er. „Wer containern möchte, muss meiner Meinung nach damit leben, rechtlich dafür belangt werden zu können. Ich würde da eher an die Unternehmen appellieren, die nicht verkaufbare Lebensmittel verschenken sollten.“ Khalid findet das Gesetz schwachsinnig. „Ich finde es unethisch, Lebensmittel wegzuwerfen und das gilt im Besonderen, wenn sie noch verwertbar sind und nur vernichtet werden, um die Lebensmittelpreise stabil zu halten oder aus Gründen der Logistik.“ Das Einzige, so sagt er, was Containern stoppen könnte, sei ein Gesetz ähnlich wie in Frankreich. „Es verbietet Supermärkten ab einer gewissen Größe, Lebensmittel wegzuwerfen und zwingt sie, sie stattdessen Tafeln oder Tierfutteranlagen zur Verfügung zu stellen. Wenn die Bundesregierung ein solches Gesetz bei uns verabschieden sollte, würde ich natürlich mit Freuden auf ’s Containern verzichten.“ Laut einer Untersuchung vom Statistischem Bundesamt (Destatis) wirft jede:r Bürger:in jährlich bis zu 600 Kilogramm Müll in die Tonne. Seit 2012 sogar mehr. Der durchschnittliche Wert der EU liegt bei knapp 500 Kilogramm pro Kopf. Bei einer Gesamtmenge von 50 Millionen Tonnen produziert Deutschland damit 20% des Gesamtmülls Europas. Laut Schätzungen kommen davon allein 20 Millionen Tonnen Müll von Supermärkten.

Ein Akt der Empörung

Aber zurück zu unserem abendlichen Spaziergang. Einer Nasenverpestung zwar knapp entkommen, ziehen wir den noch ziemlich enttäuscht weiter. Next Stop: Eine Bäckerei. Wir versuchen unser Glück mit Backwaren. Hier gibt’s noch ein bisschen Nervenkitzel gratis dazu. Denn der Container steht direkt neben dem beleuchteten Saal, in dem die fleißigen Menschen schon das Brot für morgen früh backen. Doch auch diesmal gehen wir leider leer aus. Wenigstens bleibt uns der Gestank erspart. Also ab zum nächsten Ort. „Es lohnt sich, in einer Tour verschiedene Orte anzufahren, da du dann eine größere Auswahl hast“, weiß Frieda. Und eben, weil man manchmal einfach Pech hat. „Außerdem ist es eigentlich angenehmer, in Industriegebieten zu containern, wegen des Verbots und dort sind keine Anwohner:innen, welche vielleicht die Polizei rufen.“ Zudem sei es empfehlenswert, Handschuhe und eine kleine Taschenlampe mitzunehmen, um in die Container leuchten zu können. „Es hilft auch, sich eine große Mülltüte in den Rucksack vorher zu legen, damit der nicht so eingesaut wird.“

Containern. Ein Akt der Empörung, ein Hobby oder simpel ein Weg, umsonst an Nahrung zu kommen. Immer mehr Menschen in Deutschland steigen in den Müll und holen sich dort das Essen für die nächsten Tage. Und das aus den unterschiedlichsten Gründen. „Ich liebe es, wenn man Menschen zeigen kann, dass es manchmal notwendig ist, das Recht zu missachten, um das Richtige zu tun“, sagt Thorsten, für den das kostenlose Essen gar nicht mal so wichtig ist. „Das ist ein ganz besonderes Gefühl. Dann ist die Welt wie auf den Kopf gestellt. Das ist eine Perspektive die meiner Meinung nach mehr Menschen einmal einnehmen sollten, es wird zu wenig hinterfragt.“ Am Container Nummer drei waren wir schließlich auch endlich erfolgreich. Und so haben wir nun ein ausgewogenes, leckeres Frühstück, für das wir nicht nur nicht einmal ins Portemonnaie greifen mussten, sondern auch die Nahrung vor ihrem bitteren Verschwendungs-Tod bewahren konnten.

 

Foto von Eva Becker

Erschienen am 04.05.2017 auf PHILIPP

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