Die Sterne: „Studis haben keine Zeit mehr für eine Revolution“

Die Sonne steht hoch am blauen Himmel und die Hamburger Schule ist in Marburg zu Gast. Die Band Die Sterne, inzwischen über 20 Jahre im Musikbusiness, sind zu Besuch, um an diesem sonnigen Aprilabend den Saal des KFZ mit swingendem Indie-Pop zu füllen. Doch vorher halten sie noch einen netten Plausch mit PHILIPP im sonnigen Hinterhof. Dort schwadronieren Frank Spilker (Gesang und Gitarre) und Christoph Leich (Schlagzeug) über ihre langjährige Musikerfahrung, erzählen etwas über die Essenz ihres neuen Albums „Flucht in die Flucht“ und philosophieren nicht zuletzt über das Fragen und Antworten.

PHILIPP: Eure Tour ist jetzt drei Tage alt. Wie geht’s euch?

Frank Spilker: Ich bin total fertig, war eben schon beim Arzt, weil ich irgendwie gestern Nacht gemerkt habe, dass ich meinen Rückenmuskel gezerrt hab. Klassischer Hexenschuss. Aber ich bin ja auch nich mehr im klassischen Rock’n’Roll Alter, vielleicht liegt’s ja daran. Verstärker schleppen fällt jedenfalls erstmal aus. Aber sonst alles gut, hatten zwei gute Shows gehabt.

Wo wart ihr bisher?

Frank: Bremen und Düsseldorf. Zu Bremen sagen immer alle, die Bremer sind so’n bisschen lahm. War jetzt auch nicht so euphorisch.
Christoph Leich: Aber wurde super gut aufgenommen.
Frank: Ja das ist ja das was man oft hat. Erstmal kommt nicht so die Reaktion und dann irgendwann finden die Leute das voll stark. Und in Düsseldorf war’s irgendwie, wie in ’ner Kirche zu spielen.

Und fühlt ihr euch jetzt in Süddeutschland angekommen?

Frank: Also Marburg zählt schon zu Süddeutschland offiziell?

Naja. Das ist ja immer so die Sache, mit wem wir reden…

Frank: Für Hamburger ist alles südlich der Elbe Süddeutschland.
Christoph: Wir fahr’n ja auch noch in die Schweiz und nach Österreich und so, DAS ist dann das Süddeutschland. (lacht)
Frank: Teilweise altes deutsches Reichsgebiet, meinste, ne?! (Alle lachen) … aber ja, da ich ja aus der Nähe von Bad Salzufflen komme, kenn‘ ich die Gegend hier ja irgendwie. Und ich würde sagen: Marburg ist wohl Mitteldeutschland.

Auf einmal interessiert es die Gruppe sehr, wie das Wetter in Hamburg so sein soll. „Scheiße“, sagt Christoph und alle sind noch ein bisschen froher, in diesem Moment gerade im sonnigen Marburg draußen sitzen zu können.

Reden wir mal über euer Album. Das da heißt: „Flucht in die Flucht“. Flucht ist derzeit ja ein großes Thema in den Nachrichten. Wie definiert ihr denn „eure“ Flucht?

Frank: Genau mit dem Thema hab‘ ich gestern schon gehadert, weil das ist natürlich ganz fürchterlich, jetzt so’n Album zu haben, wo es um innere Eskapismus-Gedanken geht oder Techniken vielleicht, die man so hat, um sich Erleichterung zu verschaffen und dann ist das Wort Flucht daran gebunden, das im Moment konnotiert ist mit so grausamen Schicksalen. Es ist halt immer zu spät das dann noch zu ändern, wenn man so was draußen hat. Am besten finde ich’s dann eigentlich, darüber zu reden. Also eine Aussage zu machen, die die Verhältnismäßigkeit herstellt. Wir haben glücklicherweise einen Song, der das ganz gut tut: „Wie groß ist der Schaden bei dir?“, der das letztendlich nicht beantwortet, aber der es eigentlich klar macht, das man natürlich zu den Privilegierten gehört, die sich da äußern. Die sich überhaupt äußern dürfen und gehört werden. Ich finde, das ist das Wichtigste. Es wird ja schon viel gemacht. Ich finde es gibt derzeit im Kulturbereich kein größeres Thema als Lampedusa und Frontex.

Und wenn man jetzt auf euer Album referiert – Flucht als inneren Eskapismus. Warum fliehen Menschen oder warum sollten Menschen fliehen? Ist das ein Appell?

Frank: Ich verstehe es nicht als Appell, sondern als Schilderung. Ich glaube, Flucht ist ein ganz normaler täglicher Vorgang bis hin zu etwas Selbstzerstörerischem. Also vom mal fünf Minuten an der Haltestelle mit’m Handy spielen bis hin zum im W-Lan-Spielfieber-Verhungern. Es gibt viele mögliche Alternativen, in denen man Verrecken kann.

In eurer Single „Drei Akkorde“ heißt es: „Eine Zeit lang vergessen wir, was weh tut.“ Heißt das, dass man die Zeit manchmal besiegen kann?

Frank: Absolut. Gerade mit Musik. Das sind die schönsten Momente und eine Triebfeder überhaupt Musik zu hörn, Musik zu machen, dass genau so was passiert. Dass man Momente der Transzendenz hat, wo man wirklich spürt, das Universum ist mehr als das, womit man sich täglich herumschlägt.

Besiegt ihr die Zeit auch mit Musik?

Frank: Wir versuchen’s.
Christoph: Ich glaube, da sind wir wieder bei Flucht. (lacht)
Frank: Christoph kann sich definitiv außerhalb der normalen Zeitparameter bewegen.
Christoph: Das ist bewiesen! (Beide lachen)

Inwiefern?

Christoph: Das ist jetzt ein Musikerwitz sozusagen (lacht immer noch)
Frank: Das geht so in die Richtung: Wenn ein Bassist und ein Schlagzeuger aus dem Fenster springen macht es dieses Geräusch (schlägt mit den Händen nacheinander auf seine Schenkel.)

Erzählt ihr euch oft untereinander Musikerwitze?

Christoph: Wir hatten mal ein ganzes Buch mit Musikerwitzen.
Frank: So ’ne Phase, die hat man mal.

Habt ihr noch einen Guten für uns?

Frank: Ich kann dir meinen Lieblingsmusikerwitz erzählen, da müsstet ihr aber mitspielen.

Frank nennt den Journalistinnen zwei Fragen, die sie ihm nacheinander stellen müssen: „Was bist du?“ und „Was ist dein Problem?“ Also gut.

Was bist du?

Frank: Schlagzeuger.

Und was…

Frank: Timing.

Es wird herzlich gelacht. Und später am Abend noch mal den Freunden rezitiert. Auch wenn die nicht ganz so ausschweifend lachen. Insider halt.

Euch gibt es ja schon ungefähr 23 Jahre, das entspricht ungefähr dem Durchschnittsalter von Studierenden. Was meint ihr, sind die jungen Erwachsenen heute anders als früher?

Frank: Ich hab gar nicht mehr so viel Kontakt zu Studenten. Ich glaube auch, wir sind aus dem Alter rausgewachsen, wo unser Publikum komplett studentisch ist. Wir haben damit vielleicht mal angefangen. Jetzt sind es eher Menschen in unserem Alter. Aus Studenten werden ja auch irgendwann ältere Menschen.
Christoph: Die jungen Menschen von heute haben auf jeden Fall keine Zeit mehr für ’ne Revolution. Oder Kurse zu belegen, die sie interessieren, aber nicht für den Abschluss brauchen.

Und sonst so: War’s früher besser als heute? Wenn ihr mal auf eure Bandgeschichte schaut?

Christoph: Ich betrachte alles entspannter. Ich bin nicht mehr so voll da drin und lasse mich nicht mehr überrollen. Weil man es eben schon kennt.
Frank: Der grundsätzliche Vorteil von Erfahrung. Beim Tourleben zum Beispiel. Heute können wir Risiken viel besser einschätzen und wissen, was da auf uns zu kommt. Und deswegen kann man auch mehr genießen, was man da tut. Sonst ist sehr schwierig zu sagen, was sich verändert hat, weil wir teilweise noch an Sachen sitzen, die wir vor zwanzig Jahren begonnen haben. Unsere Crossover-Sachen zum Beispiel. Deswegen gibt es trotz Veränderung bei uns auch eine große Kontinuität.

In eurem neuen Album hört man jetzt ziemlich viele elektronisch/psychedelische Elemente. Ist das eine Reaktion auf das Wiedererstarken der elektronischen Musik?

Christoph: So ganz neu ist das nicht. ’99 haben wir das auf unserer Discoplatte 20/7 auch schon gemacht, Sounds benutzt.
Frank: Grundsätzlich wird das Wort „Elektronik“ sowieso mit dem Fortschritt der Technik irrelevant: Weil alles letztlich elektronisch gemacht wird. Den Unterschied von analoger und synthi-gemachter Musik, wie das in den 70ern noch war, verschwimmt immer mehr. Ich glaube deshalb, dass es eher um die Ästhetik der Aufnahme geht. Weil man auch mit Elektronik so tun kann, als ob in ganz natürlichen Räumen aufgenommen wurde. Die Black Keys sind da das beste Beispiel für. Unsere Platte ist da klar das Gegenteil, weil sie ein bisschen mit Psycho-Akustik rumzaubert. Das hat aber nichts damit zu tun, sich für oder gegen Elektronik zu entscheiden. Sondern dass die Texte und Themen es nahe legen, das so zu machen.

Hier in Marburg ist es auf jeden Fall gerade so, dass es viel mehr elektronische Musik zum Feiern und Tanzen gibt, als Indie. Ist Indie tot?

Alle lachen.
Frank: Ach. Je toter etwas ist, desto größer ist sein Comeback. Weil alles wird irgendwann langweilig. Schaut euch allein unsere Vorband an, die Snøffeltøffs, das ist ’ne junge Berliner Band, die Straßenmusik auf der Bühne macht, mit Schlagzeuger und Bassisten in einer Person. Es geht einfach immer darum, originell zu sein. Und wenn alle irgendwas machen, dann gärt irgendwo was anderes.

Und was haltet ihr so von Techno und Elektro?

Frank: Ich unterscheide da gar nicht so. Für mich gibt es Musik, die Geschichten erzählt und transportiert und dann die, die eher körperlich-tranceartig ist und eine ganz andere Struktur hat. Ich sehe ganz große Ähnlichkeiten zwischen elektronischer Musik und Krautrock. Es ist eben von der Funktion her was anderes. Diese Strukturen sind für mich das ausschlaggebende. Und wenn etwas gut ist, dann interessiere ich mich auch dafür.

Und worauf tanzt ihr gerne?

Christoph: Da muss ich Frank recht geben: Gute Stücke. Ich tanze sowohl zu Gitarrenmusik, obwohl ich da sehr viel sehr langweilig finde. Aber ich würde mich da nicht so abgrenzen. Techno und Deephouse hat sich ja anfangs auch abgegrenzt, und fusioniert jetzt wieder. Oder wird von anderen Genres aufgegriffen. Es verschwimmt irgendwie alles.

Christoph muss los. Zum Soundcheck. Aber das ist gar nicht so schlimm, die Journalistinnen haben sowieso nur noch eine Frage auf dem Zettel. Was Frank darauf antworten wird, interessiert sie trotzdem sehr. So geht es schließlich um nicht viel weniger als die Essenz aller Interviews: Das Fragen.

In einem Promotext eurer letzten Tour haben wir gelesen, dass ihr die Band seid, die mehr Fragen stellt, als Antworten gibt. Das ist jetzt ein bisschen paradox: Gerade gebt ihr uns ja Antworten. Aber mal abseits von diesem Interview: Ist es wichtiger Fragen zu stellen, als Antworten zu geben?

Frank: Das muss erstmal jeder für sich selber entscheiden. Aber ich glaube auch, das wir eine Generation sind – das wurde mir erst kürzlich wieder durch den Tod von Günter Grass bewusst – die die Schnauze voll von einer Zeigefingermoral hat. Die ganze Punk-Generation hat sich da zum Beispiel von abgegrenzt und zu anderen Mitteln gegriffen. Insofern ist bei uns der Kniff, dass es natürlich um eine moralische Empfehlung geht, aber dass es eben auch darum geht, die Frage stehen zu lassen, damit man für sich selbst eine Antwort finden kann. Weil es manchmal ja auch reicht, über bestimmte Sachen überhaupt mal nachzudenken. Und da sind wir dann auch schon wieder bei Lampedusa. Natürlich kann man zu Spenden aufrufen, mit diesen Mitleidsaktionen lenkt man aber davon ab, dass man auch verantwortlich ist als Gesellschaft. Das ist zentral für uns, das nicht zu tun. Denn moralische Appelle sind nicht in Ordnung, wenn sie von den eigentlichen strukturellen Problemen ablenken.

Aber habt ihr Antworten auf eure eigenen Fragen?

Frank: Wir stellen ja nicht irgendwelche Fragen. Die kommen irgendwo her und sollen auch irgendwo hinführen. Nur ist das eben nicht die einfache didaktische Idee: Ich lebe mal die richtige Moral vor und dann kommen die anderen schon mit. Manchmal kann Provokation auch mehr auslösen, als immer nur zu erklären.

Ein schönes Schlusswort.

Später stellt sich heraus, dass entgegen Franks Einschätzung durchaus auch einige Studierende den Sound von Die Sterne live erleben wollen. Der Saal ist gefüllt, das Publikum besteht aus einem bunten Mix von Alt und Jung. Auch hier spricht Frank kurz vom ungewollt nahen Bezug zur Flüchtlings-Tragödie und stimmt den Song „Wie groß ist der Schaden bei dir?“ an.

 

Interview geführt mit Katharina Meyer zu Eppendorf
Foto von Luis Penner

Erschienen am 05.05.2015 auf PHILIPP

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