Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Im Zuge unserer #Partyjournalismus-Reihe waren wir mal wieder bei Marburgs Partyveranstalter*innen zu Gast. Dieses Mal durften wir bei CloudCuckooLand in eine Welt voller Zuckerwatte, fliegender Libellen und einer Menge Liebe zum Detail eintauchen.

(Die vollständige Multimedia-Reportage ist hier zu finden)

Samstagnachmittag. Der Nachtsalon in der Bahnhofstraße 31A ist kein Club mehr, sondern ein Art-Attack-TV-Studio: Weiße Stoffbahnen bilden einen Baldachin, Nylonfäden spinnen sich zu bunten Bällen, Klebepistolen fixieren Watte zu Wolken, Draht und Frischhaltefolie formen fliegende Libellen und Lichterketten blinken schon jetzt im 122 bpm-Takt. „Heute erwartet euch die Erfüllung unserer Utopie-Vorstellung!“, erklärt Gianna das noch andauernde Tohuwabohu in den vielen Räumlichkeiten, die mittlerweile Namen wie „Fuchsbau“ und „Wolkenklause“ tragen und in denen um die zwanzig Menschen für die zweite Auflage von „CloudCuckooLand“ am Werkeln sind.

Festivalfeeling mit Heimatgefühl

Wer den Nachtsalon an diesem letzten Januarabend betritt, merkt schnell: Hier ist und sieht vieles anders aus als sonst. Zum üblichen Nachtsalon’schen Wohnzimmerambiente aus Sofas, Sesseln und altbackenen Bildern an der Wand haben sich Stände mit Zuckerwatte und Kuchen, Polaroid-Fotoecken und Dekoration aus Wolken, Libellen, Nebelschwaden, Landkarten und buntem Allerlei hinzugefügt. „Das ist ein bisschen wie ein Winterfestival“, bezeichnet Aytug den Umbau. Draußenparties nach drinnen holen, indem sie durch die Deko versuchen darzustellen, „was wir an Festivals wie zum Beispiel der Fusion lieben“, erklärt Lucas und erzählt von „dieser kreativen Energie, das man rumgeht und Sachen entdeckt und sich freut.“ Ein Mix aus Festivalfeeling und Heimatgefühl eben, so in etwa könne man auch ihre Vorstellung von Utopie beschreiben, erzählen die CloudCuckoolander*innen. Und Hedonismus natürlich. Das Wort fällt bei der Gruppe ganz schön oft.

Wie sie auf die ganzen Ideen für ihre Deko und Flyer kommen? „Das entscheidet sich alles sehr offen. Am Anfang tragen wir Ideen zusammen, lassen alles zu, bis dann am Ende irgendwas steht. Und Lou, unsere Grafikerin, dann zum Beispiel auf den Plakaten die Idee der Libelle wieder aufnimmt“, erzählt Annika während sie Masken beglitzert, mit denen man sich später bei der Fotoecke verzieren kann. „Eigentlich haben wir keine Ahnung von gar nichts und nur tolle Bilder im Kopf“, fügt Gianna hinzu, die daneben sitzt und an der „Schatzkarte“ arbeitet, die am heutigen Abend bei der Orientierung helfen soll. „Aber wir haben gemerkt, dass einfach alles möglich ist.“ Dass das Ganze glücklich macht, stehe dabei im Vordergrund. CloudCuckooLand scheue sich vor keinen Kosten und Mühen, wenn es darum geht, den Fantasmus im Kopf in Raum und Objekt zu projizieren. Ganz ohne Profit und Sponsoren arbeitet das Team, wie sie selbst sagen. Der Erlös werde immer gespendet. Beim letzten Mal beispielsweise an ein Waisenhaus in Indien sowie die Organisation „Asylbegleitung Mittelhessen.“ Und auch diesmal soll es aufgeteilt werden. „Immer an ein nationales und ein internationales Projekt“, sagt Gianna.

Rückblick. Es ist Mitte Januar und noch zwei Wochen bis zum großen Tag: Die CloudCuckooLand-Crew hat die WG von Nicolai in ein riesiges Bastel- und Planungs-laboratorium verwandelt. Im Hintergrund wummert ein leiser Beat, während im Vordergrund zwischen Ikea-Pflanzen und -Mobiliar geklebt, geschnitten, gehämmert, geglitzert und in Neonfarben angemalt wird. Das ganze Szenario erinnert an die Requisite eines Theaters. Besonders herausstechend: Fünf Menschen, die sich mit der Kreation der riesigen Libelle namens „Arnold“ beschäftigen, indem sie Draht und Watte zu Flügeln formen und mit weißen Papierschnipseln und Frischehaltefolie den riesigen Torso gestalten. Für das Team sei die ganze Mühe irgendwie selbstverständlich, meint Gianna. Das gehöre eben auch zu dieser Utopie vom Hedonismus. Die Selbstverständlichkeit, Räume, in denen das sonst nicht üblich ist, salonfähig zu gestalten. Das funktioniert vor allem durch die große Anzahl an Helfer*innen. da das alles ehrenamtlich passiert, ist CloudCuckooLand auch anders als andere Partyorganisationen hier in Marburg. Sie sind keine institutionelle Partycrew. Sie können nicht sagen, wann die nächste Party stattfinden soll und wie sie aussehen wird. Weil bei CloudCuckooLand alles eine Frage der Zeit, der Möglichkeiten und der Motivation ist.

Von Mensa-Buddies zu Partyveranstalter*innen.

Dass sich die Gruppe dabei mit ihrer radikal-basisdemokratischen Arbeitsweise nicht gegenseitig auf den Schlips tritt, liegt vor allem daran, dass sie bereits länger befreundet sind. Sie erzählen von einer Facebook-Gruppe, die anfänglich vor allem zur Kommunikation fürs Mensieren gedacht war. Als schließlich etwa fünf Leute mit der Idee ankamen, eine Party zu organisieren, fungierte diese Gruppe als Plattform zur Rekrutierung, Planung und Organisation. „Wir haben vorher schon auf WG Partys aufgelegt“, erzählt Nicolai. Durch den breit vernetzen Freundeskreis sind sie auch bei den „großen“ WG Partys anzutreffen, wie im U44, im Renthof oder der Bahnhofstraße. „Wir haben auch auf den Afföllerwiesen beim BuLi Finale 2014 eine Anlage installiert und aufgelegt. Da saß dann auch Olli vom Nachtsalon“, so Lucas. „Der hat das wohl mega abgefeiert, was wir gemacht haben und hat uns gefragt, ob wir nicht Bock hätten was zu machen.“, meldet sich Nicolai wieder zu Wort. Anschließend hätten sie den Freundeskreis kontaktiert.

Derweil beim Aufbau: Raucherraum. Origamivögel sollen hier die Decke bevölkern. Annika macht eine Raucherpause während Adrian Ölscheibenlampen an die Decke schraubt. „Die machen schönes psychedelisches Licht!“, sagt er und strahlt. Schon wieder ein neues Gimmick, das installiert werden muss. Denn sie müssen sich sputen. Für CloudCuckooLand beginnt der „Abflug“ nicht erst um 23:57, wie es auf den Flyern steht – noch vor der Party haben sie zum „Pregame“ mit Freunden geladen. Sie wollen nämlich ändern, was bei vielen schon zum Standard geworden ist: Das Erscheinen erst nach ein Uhr früh. Warum immer zwei Uhr nachts ins Land gehen lassen, wenn man schon vorher gemeinsam vor Ort feiern kann? Und das klappt auch ganz gut. Bereits um 22 Uhr ist der Aufenthaltsraum gut gefüllt und die Gäste bestaunen das Ambiente. Da hängt zum Beispiel eine weiße Uhr an der Wand, an der irgendetwas nicht stimmt. Ihre zwei schwarzen Zeiger ticken nach links herum. „Es ist scheiß egal, ob diese Uhr richtig geht!“, ruft da Lucas: „Denn hier herrscht Verlust von Zeit und Raum!“

Der Einfluss aus dem Legomovie

„CloudCuckooLand“ kommt übrigens nicht von irgendwoher. „Bei dem Namen dachten wir natürlich auch irgendwie an Festivals und etwas, was Utopie, was Hedonismus ist“, erzählt Nicolai, „und dann habe ich den besten Film aller Zeiten gesehen: Legomovie. Und da war halt dieses Wolkenkuckucksheim. Eine Stadt in den Wolken.“ Das sieht man, wenn man am späten Abend in die inzwischen fertig dekorierten Räume tritt. In der „Wolken-Klause“ schwebt eine dicke leuchtende Wolke, daneben nimmt „Arnold“ fast die halbe Decke ein, die riesige, leuchtende Libelle, das Maskottchen der heutigen Party. Im Fuchsbau fliegen Origami-Vögelchen über der Theke und im Aufenthaltsraum wird sogar Zuckerwatte in Form von kleinen Wölkchen verteilt. „Damit man das ganze Konzept über alle Sinne fühlen kann!“, erklärt Gianna. Doch auch wer sich ausruhen oder zurückziehen möchte, weil sich irgendjemand auf der Party nicht daran gehalten hat, dass im Wolkenkuckucksheim Sexismus, Rassismus oder jegliche Art von Diskriminierung und übergriffigem Verhalten keinen Platz haben soll, findet an diesem Abend einen Ort: Im unteren Raucherraum ist ein „Awareness“-Raum eingerichtet. Bevölkert wird er am Ende jedoch vor allem von denen, die einfach ein kleines Nickerchen einlegen wollen.

700 Gäste und Chai-Latte für die Wartenden

Die Strichliste, die die Gäste des Abends zählt, kommt am Ende auf knappe 700. Um Teil dieser 700 zu sein, zahlen dafür manche einen hohen Wartepreis. Nicht wenige, die sich erst gegen ein oder zwei Uhr auf den Weg machten, standen an diesem Abend eine gute Dreiviertelstunde an, bekamen dafür aber immerhin Chai-Latte von den CloudCuckooLänder*innen ausgeschenkt. Denn auch wenn der Nachtsalon soweit ganz gut als Bühne für CloudCuckooLand funktioniert, stoßen sie auch an ihre Grenzen, weshalb sich die Partyveranstalter*innen doch auch ein bisschen mehr wünschen. „Es fehlt einfach der Ort, der die Beständigkeit ermöglicht. Wo man immer in eine andere Welt eintauchen kann“, meint Annika. Und vor allem: Wo man auch mal länger feiern darf. Denn der Crew von CloudCuckooLand reicht die Siebenuhrfrühmarke nicht und die gesetzlichen fünf Uhr beim Knubbel sind erst recht zu früh. „In den meisten Städten gibt es halt immer diese Läden, wo’s am Sonntag auch mal bis 16 Uhr geht. Das ist so ein schleichend entwickelter Standard, der in Marburg definitiv fehlt!“, findet Nicolai.

Sieben Uhr. Schicht im Schacht. Ein letzter Rest schleppt sich zur Afterhour noch in die Baribar neben dem Trauma. Die Gesichter sind müde und es dauert nicht lange, bis auch dem letzten Rest irgendwann die Augen zufallen. Ineinandergeschlungen liegen sie auf dem Sofa. Nicht auszuschließen, dass sie in ihren Träumen gerade auf der Libelle Arnold durch ein Wolkenmeer aus rosaroter Zuckerwatte fliegen.

 

Verfasst mit Katharina Meyer zu Eppendorf
Foto: Luis Penner

Erschienen am 06.02.2015 auf PHILIPP

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